Für uns Europäer besitzt Neuseeland einen unschlagbaren Exotik-Faktor: Weiter weg geht nicht! Nirgendwo auf unserer Erde können wir uns von der Heimat weiter entfernen. Kia Ora, die herzliche Begrüßung aus der Sprache der Maori, ist Programm.
Und trotzdem treffen wir an dieser Antipode unseres Alltags auf ein Land, das anders aber keineswegs fremd ist: Neuseeland wirkt auf den ersten Blick europäisch, aber mit jedem Kilometer den man herumreist, öffnen sich neue Perspektiven der Landschaft, der Natur und der Kultur.
So liegt eine Antwort auf die Frage nach dem "Was macht Neuseeland zum Traumland so vieler Menschen aus aller Welt" klar auf der Hand: "Die Vielfalt!". Neuseeland, der Inselstaat im Südpazifik wirkt wie ein ›Best of‹ aller Kontinente: Gletscher reißen das Grün der Regenwälder hinter der rauen West Coast der Südinsel auf und streben bis zu den Dreitausendern der Southern Alps hinauf.
Ein paar Fahrstunden südlich dringt das Meer mit langen, dünnen Fingern in das kaum erschlossene Fjordland, als giere es nach dem süßen Wasser, das müde Wolken am Ende ihrer Reise über die Tasman Sea abwerfen. Jenseits der Südalpen, in Central Otago, schreit derweil braungelbes Tussockgras nach jedem Tropfen, der herüberkommt.
Eine knappe Tagesreise nach Norden vermitteln Palmen an den Stränden des Abel Tasman National Park karibische Gefühle, während die Winde der Roaring Forties einen Katzensprung entfernt große Wanderdünen über die Landzunge Farewell Spit schieben – dies sind nur einige Highlights der Südinsel.
Ihr etwas kleineres Pendant im Norden Neuseelands steuert zur Vielfalt die maritime wie mondäne Inselwelt der Bay of Islands bei, den Waipoua Forest mit tausendjährigen Kauri-Baumriesen, die Unterwelt von Waitomo mit ihren spektakulären Stalaktiten und Stalagmiten und ihren Myriaden von Glühwürmchen, die ein Netz von Milchstraßen als Sternenhimmel an die Höhlendecken zaubern, die archaisch anmutende Vulkaninsel White Island in der Bay of Plenty oder die hochgelegene Vulkane des Central Plateau, die schon die düstere Kulisse für den Schicksalsberg von Mordor in der Herr der Ringe Trilogie abgaben.
Kongenial zeigt sich die Natur in Neuseeland: Flora und Fauna sind für viele Arten berühmt, die nur in Neuseeland heimisch sind. Durch die in Nord-Süd-Richtung langgestreckte Geographie des Landes changiert die Flora von subtropisch über alpin bis subantarktisch, während die Fauna eine kleine, aber feine Mischung von seltenen Kiwis, frechen Bergpapageien und watschelnden Pinguinen bis zu gewaltigen Walen und langbeinigen Wetas, den größten Insekten der Welt, bereithält, leider vielfach bedroht durch eingeschleppte Arten, die schon mit den ersten Menschen kamen. Viele Besucher erleben diese Natur geradezu zum Greifen nah beim Schwimmen mit Delfine oder Robben, oder mit wenig mehr Abstand bei Walbeobachtungstouren oder nächtlichen Kiwi-Exkursionen.
Menschenwerk steht hinter den spektakulären Landschaften und der ungewöhnlichen Natur zurück, zeigt sich aber einem Einwanderungsland gemäß bunt und multikulturell: Die Millionenstadt Auckland ist Schmelztiegel europäischer, asiatischer und polynesischer Einflüsse. Die viel kleinere Hauptstadt Wellington bemüht sich um ein Image als weltoffene Kulturmetropole und auf der Südinsel galt Christchurch, das sich gerade mit viel Optimismus und einem gewaltigem Wiederaufbauprogramm von einer Erdbebenkatastrophe erholt, als englischste aller Städte südlich des Ärmelkanals und das kühle Dunedin zeigt stolz schottische Wurzeln. Hinzu kommen französische Tupfer auf Banks Peninsula, nordische in von Skandinaviern gegründeten Siedlungen wie Dannevirke und Norsewood, die sogar Wikinger zur Selbstdarstellung bemühen, und deutsche in Neudorf oder Himmelsfeld bei Nelson im sonnigen Norden der Südinsel, wo einst deutsche Siedler sesshaft wurden. Daneben imponieren Napier und Hastings mit herausgeputzter Art-déco-Architektur: Beide Städte wurden nach einem Erdbeben 1931 in diesem damals weltweit trendigen Stil wieder aufgebaut.
Neben kolonialen Elementen hat die Kultur der Maori einen hohen Stellenwert. Lange unterdrückt, ist sie in der Gegenwart zum lebendigen Band der Identität für die immer selbstbewusster auftretenden Nachfahren der polynesischen Erstbesiedler Neuseelands geworden. Wo viele Maori leben, erklären sie auf Stadt- oder Naturexkursionen Landschaften und Geschichte mit ihren Mythen und Legenden. Daneben gibt es ethno-folkloristische Kulturshows zur Freude von Touristen schon seit dem späten 19. Jahrhundert, nirgendwo so perfekt inszeniert wie in Rotorua im Osten der Nordinsel.
Besucher von heute erwarten aber mehr: Adrenalin-Junkies hetzen bei Extrem- und Funsportarten wie Bungy Jumping, Jetboot-Fahren, White- und Black-Water-Rafting oder Zorbing von einem Nervenkitzel zum anderen, während Genießer der silbernen Generationen die ständig wachsende Zahl von Wellness-Angeboten goutieren und gehobenen Country-Lifestyle beim Reiten, Jagen oder Golfen pflegen. Für kulinarische Erlebnisse sorgen junge neuseeländische Weine, die zu den besten der Welt zählen, und eine innovative Küche, die die Unarten britischer Kolonialkost abgestreift hat und gute Traditionen früher europäischer und polynesischer Einwanderer mit den Ideen einer frischen, leichten Pacific-Rim-Cuisine fusioniert – beliefert mit den besten Rohwaren eine Landes, das weltweit zu den führenden Lebensmittelproduzenten gehört. Muscheln, Langusten, Fisch, Zucht- und Jagdwild, Lamm, Rind, Obst und Gemüse, alles kommt glutfrisch in Läden und Restaurants. Nur die Kiwi-Frucht liegt oft klein und schrumpelig in Supermärkte: Die Frucht schlechthin, die man mit Neuseeland verbindet, wird in besten, kontrollierten Qualitäten exportiert, da bleibt für das eigene Land oft nur die 2.Wahl. Und außerhalb der Erntesaison stammen die Kiwi-Früchte in Neuseelands Supermärkten nicht einmal mehr aus dem eigenen Land sondern aus Italien.
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